Ein Stadtbild ohne Menschen, die jeden Morgen laufen gehen, ist heute kaum vorstellbar. Doch das war nicht immer so. In früheren Zeiten galt das Laufen in der Stadt als eine Seltenheit, schreibt ivienna.info.
Laufen in früheren Zeiten

Im Juli 1897, pünktlich um 8:00 Uhr morgens, fand in Neu-Kagran, dem heutigen 22. Wiener Gemeindebezirk, ein Lauf statt. Kaum jemand der Anwesenden bei dieser Veranstaltung ahnte wohl, dass er Zeuge eines historischen Sportereignisses wurde.
Damals setzten sich 8 Personen das Ziel, eine Distanz von 25,6 km zu überwinden. Die Route führte über Aspern, Essling, Groß-Enzersdorf und endete neben einem Gasthaus. Die Organisatoren hatten alles bis ins kleinste Detail durchdacht, denn auf diese Weise wurde die Wartezeit für die Zuschauer verkürzt und der Umsatz im Gasthaus gesteigert.
Schließlich erreichten 5 Teilnehmer das Ziel bei „Friedmann’s Gasthaus“, von denen sich Mauricio Albala als der schnellste erwies. Dieses große Ereignis markierte den Beginn der leichtathletischen „Ära“ in der Geschichte Wiens.
Im Allgemeinen sind die Österreicher seit dem 13. Jahrhundert mit der Leichtathletik vertraut. Damals wurden den Menschen grundlegende Lauffähigkeiten zur Vorbereitung auf militärische Konflikte beigebracht. Bis zum Ende des Mittelalters wurde das Laufen bei Wettbewerben praktiziert.
In dieser Zeit erfreute sich das Laufen großer Beliebtheit bei den unteren Gesellschaftsschichten. Zwischen 1382 und 1534 fanden zweimal jährlich die sogenannten „Rennen um die Barchents“ statt. An diesen durften ausschließlich Läuferinnen teilnehmen. Die Wettkampfstrecke verlief entlang des heutigen Rennwegs bis an den Stadtrand. Den Siegerinnen wurde als Preis eine Decke, ein sogenannter „Barchent“, überreicht.
Der beste Wiener Leichtathlet, die ersten Marathons

Der erste erfolgreiche Leichtathlet Wiens war Mauricio Albala, geboren am 15. Juni 1877 in Timișoara. Er war nicht nur der beste Wiener Läufer, sondern auch ein vielseitiger Sportler, da er aktiv Schi- und Radsport betrieb und Mitglied des Teams des „AC Victoria“ war. Albala war auch der erste Österreicher, der an einem Marathon teilnahm, der im Herbst 1897 in Budapest stattfand.
In dieser Zeit wurden Marathons nicht über die klassische Distanz von 42,195 km, sondern über 40 km ausgetragen. Albala konnte den dritten Platz belegen, indem er die Distanz in 4 Stunden und 6 Minuten bewältigte.
Albala ging jedoch nicht nur als Sportler in die Geschichte ein, sondern auch als Organisator von Leichtathletikwettbewerben. Er ist einer der Gründer der Leichtathletik-Sektion des Wiener Athletiksport Clubs „WAC“ und Mitglied des „Comité zur Veranstaltung von Fußballwettspielen“.
Bei der Analyse verschiedener Literaturquellen zum ersten Marathon in Wien fallen Unstimmigkeiten im Datum auf. Die meisten Quellen nennen den 14. Juli 1901, als der „Neubauer Sport-Club“ einen 40-Kilometer-Marathon organisierte.
Für den Wettkampf meldeten sich 16 Läufer an, aber nur 5 Personen gingen an den Start, unter ihnen auch Albala. Er galt als Favorit des Marathons.
Der Sieg war für ihn jedoch nicht einfach. In Vösendorf verlor Mauricio das Bewusstsein, musste eine Pause einlegen und verlor dadurch Zeit, sodass er als Dritter ins Ziel kam. Sieger des Laufs wurde Fritz Lust mit einer Zeit von 3:59:04.
Im Jahr 1902 fand ebenfalls ein Marathon statt, der jedoch weitaus besser organisiert war. Auf der Strecke Wiener Neustadt–Wien wurden die Läufer von Radfahrern unterstützt.
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ist ein positiver Trend und eine wachsende Popularisierung der Leichtathletik zu beobachten: Die Zahl der Athleten nahm zu, und die Stadtbewohner zeigten ein bemerkenswertes Interesse an dieser sportlichen Disziplin. Darüber hinaus wurden neue Laufwettbewerbe eingeführt: der „Auhoflauf“, der „Geländelauf“ und „Hütteldorf – Hohe Warte“. All dies zeugt davon, dass sich diese Sportdisziplin in Wien aktiv entwickelte.
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs kam die Entwicklung zum Stillstand, wurde aber nach dessen Ende wieder aufgenommen. Eine Neuerung war, dass auch Frauen begannen, Interesse an dieser Sportart zu zeigen.
Im Jahr 1919 wurde in Wien der Staffellauf „Quer-durch-Wien-Lauf“ veranstaltet. Die Medien berichteten im Voraus ausführlich über dieses Ereignis. An diesem Tag versammelten sich 1275 Läufer auf der sieben Kilometer langen Strecke. Der Start erfolgte am Wiener Westbahnhof, und die Laufstrecke führte über die Mariahilfer Straße in 15 Etappen zum „WAC“. Mehrere tausend Zuschauer verfolgten den Verlauf des Staffellaufs aufmerksam; die Straßen der Stadt waren überfüllt.
Der Staffellauf war ein großer Erfolg und wurde in den folgenden Jahren unter aktiver Beteiligung von Frauen fortgesetzt. Die Veranstaltung wurde zu einem jährlichen Ereignis und fand sogar während des Zweiten Weltkriegs statt.
Nach dem Ende der Kriegshandlungen entstanden in Wien neue Marathons, Wettkämpfe und Läufe. So entwickelte sich die Leichtathletik von Jahr zu Jahr aktiv weiter.