Wien war jahrhundertelang nicht nur das kulturelle Herz Europas, sondern auch ein mächtiges Zentrum des wissenschaftlichen Denkens, insbesondere im Bereich der Medizin. Von den ersten anatomischen Theatern bis hin zu innovativen Forschungslaboren wurde die medizinische Schule zur Wiege revolutionärer Entdeckungen und brachte eine Plejade herausragender Ärzte und Wissenschaftler hervor, deren Namen in die Geschichte der Menschheit eingegangen sind. Ihre Mauern erinnern sowohl an hitzige Debatten über neue Theorien als auch an die mühsame Arbeit zur Rettung von Menschenleben und spiegeln das unermüdliche Streben nach Wissen und Humanismus wider, das auch heute noch die hohen Standards der Wiener Medizin bestimmt. Mehr dazu auf ivienna.info.
Die Wiener Medizinische Schule: Zwei Jahrhunderte Einfluss auf die europäische Medizin
Der Begriff „Wiener Medizinische Schule“ umfasst zwei bedeutende Perioden in der Geschichte der medizinischen Ausbildung, der wissenschaftlichen Forschung und der klinischen Praxis, die in den medizinischen Einrichtungen Wiens aufblühten. Ihr Einfluss drang zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert tief nach Zentral- und Südosteuropa vor.
Die erste Blütezeit der Wiener Medizinischen Schule fällt ins 18. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde Wien dank Reformen an der Universität und in den Spitälern zu einem der führenden Zentren der medizinischen Wissenschaft. Der Schwerpunkt lag auf der klinischen Beobachtung, der pathologischen Anatomie und der Integration theoretischen Wissens in die praktische ärztliche Tätigkeit. Herausragende Persönlichkeiten dieser Zeit legten den Grundstein für die moderne klinische Medizin, und ihre Lehrmethoden sowie ihre Ansätze zur Diagnose und Behandlung verbreiteten sich weit über die Grenzen des Kaisertums Österreich hinaus.
Die zweite, nicht weniger bedeutende Periode der Wiener Medizinischen Schule fällt ins 19. und frühe 20. Jahrhundert. Diese Zeit war geprägt von einer rasanten Entwicklung der Wissenschaft, einschließlich Mikrobiologie, Physiologie und Pharmakologie. Die Wiener medizinischen Einrichtungen waren Pioniere bei der Einführung neuer diagnostischer Instrumente und chirurgischer Techniken. Hier arbeiteten Wissenschaftler von Weltrang, deren Entdeckungen das Verständnis und die Behandlung vieler Krankheiten revolutionierten. Ihre Ideen und Entwicklungen wurden aktiv in die medizinische Praxis in ganz Zentral- und Südosteuropa eingeführt und prägten die Standards der medizinischen Versorgung und Ausbildung.
Somit stellt die Wiener Medizinische Schule nicht nur eine einzelne Bildungseinrichtung dar, sondern vielmehr zwei aufeinanderfolgende, aber miteinander verbundene Perioden außergewöhnlicher medizinischer Entwicklung in Wien. Ihr Erbe beeinflusst die medizinische Wissenschaft und Praxis weit über ihre Blütezeit hinaus und unterstreicht die wichtige Rolle Wiens bei der Gestaltung der modernen europäischen Medizin.

Die Entstehung der Wiener Medizinischen Schule
Die Geschichte der ersten Wiener Medizinischen Schule, die das Fundament für die zukünftigen medizinischen Errungenschaften Wiens legte, beginnt im Jahr 1745. Damals lud die weitsichtige Erzherzogin Maria Theresia, bestrebt, das Niveau der Medizin an ihrem Hof zu heben, den herausragenden holländischen Arzt Gerard van Swieten nach Wien ein. Dieser kluge Schritt wurde zum Katalysator für tiefgreifende Veränderungen.
Van Swieten, gestützt auf seine eigene Erfahrung und die Visionen seines Lehrers, des berühmten Herman Boerhaave, gelang es, den kaiserlichen Hof von der Notwendigkeit der Schaffung einer modernen medizinischen Einrichtung zu überzeugen. Mit großzügiger finanzieller Unterstützung von Maria Theresia öffnete 1754 in Wien die erste „moderne“ Klinik ihre Pforten. Ihre Organisation war die Verkörperung der fortschrittlichen Ideen jener Zeit, die darauf abzielten, theoretisches Wissen mit der unmittelbaren Praxis am Krankenbett zu verbinden.
Später übernahm Maximilian Stoll die Leitung der Klinik. In den Mauern dieser innovativen Einrichtung begannen so herausragende Persönlichkeiten wie Leopold Auenbrugger, der Entdecker der Perkussion als diagnostische Methode, und Anton Störck, bekannt für seine Forschungen in der Pharmakologie und Toxikologie, ihren Weg in die große Medizin. Nach den Aufzeichnungen des Medizinhistorikers Fischer gehörten auch Jacquin, de Haen, Colin und Pallucci zu der Plejade wichtiger klinischer Lehrer, die aus dieser Schule hervorgingen. Zu diesem einflussreichen Kreis von Wissenschaftlern zählte auch Marcus Anton von Plenciz, dessen Arbeiten zur Epidemiologie für das Verständnis der Krankheitsausbreitung von großer Bedeutung waren.

Ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung der Wiener Medizin war die Gründung des ersten Wiener Allgemeinen Krankenhauses im Jahr 1784 durch Kaiser Joseph II. Trotz anfänglicher organisatorischer Schwierigkeiten bewies der Kaiser Hartnäckigkeit und lud 1809 Johann Peter Frank nach Wien ein, einen talentierten Reformer, dem es gelang, das Krankenhaus neu zu organisieren und damit neue Horizonte für die Durchführung umfassender medizinischer Forschungen zu eröffnen.
Genau in dieser Zeit etablierte sich die Geburtshilfe dank der Bemühungen von Johann Lukas Boër als eigenständige Disziplin. Und 1812 war die Universität Wien die erste im deutschsprachigen Raum, an der Georg Joseph Beer einen vollwertigen Lehrstuhl für Augenheilkunde gründete und damit den Grundstein für die systematische Ausbildung von Fachärzten auf dem Gebiet der Behandlung von Augenkrankheiten legte.
Somit wurde die erste Wiener Medizinische Schule nicht nur zu einem Ort der Ausbildung von Ärzten, sondern zu einem wahren Epizentrum einer wissenschaftlichen Revolution. Es fand ein fundamentaler Paradigmenwechsel von naturphilosophischen Spekulationen hin zur empirischen wissenschaftlichen Methode statt, was den Beginn einer neuen Ära in der Medizingeschichte markierte, in der Beobachtung, Experiment und klinische Erfahrung zu den wichtigsten Triebkräften des Fortschritts wurden.
Die goldene Ära der Wiener Medizin: Die Blütezeit der Zweiten Schule
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Wien erneut zum Epizentrum des medizinischen Denkens und schenkte der Welt die sogenannte Zweite Wiener Medizinische Schule, oder auch „jüngere“ Wiener Schule. Diese Periode war geprägt von der Abkehr von den veralteten Vorstellungen der Humoralpathologie, obwohl deren Nachklang noch in den Arbeiten des damaligen Koryphäen – des Pathologen Carl von Rokitansky – zu spüren war, der trotz seiner innovativen Forschungen teilweise noch am Konzept der „Krasen“ festhielt.
Jedoch blühte gerade in dieser Zeit die Zusammenarbeit zwischen Rokitansky und Josef von Škoda auf. Letzterer, der mit besonderer Sorgfalt die Ergebnisse der Auskultation und Perkussion bei Obduktionen untersuchte, war einer der ersten, der die revolutionären Theorien von Ignaz Philipp Semmelweis über die Ursachen des Kindbettfiebers unterstützte. Nicht zu vergessen ist auch Ferdinand von Hebra, dessen grundlegende Arbeiten die moderne Dermatologie begründeten.
Die Zweite Wiener Schule wurde zu einer wahren Talentschmiede für Mediziner. An der Universität Wien und ihren Kliniken lehrten und forschten so herausragende Wissenschaftler wie der Psychiater Theodor Meynert, der Neurologe Ludwig Türck, der Psychiater und Neurologe Constantin von Economo, der Physiologe Johann Nepomuk Czermak und viele andere, deren Namen für immer in die Geschichte der Medizin eingeschrieben sind.

Das Jahr 1867 wurde zu einem Meilenstein für die Wiener Chirurgie – in die Stadt kam Theodor Billroth, ein Chirurg, der als Nachfolger von Joseph Lister galt. Seine innovativen Ansätze und seine Meisterschaft führten zur Bildung der chirurgischen „Schule Billroths“, die für ihre Erfolge und fortschrittlichen Methoden berühmt war. Das Ansehen der Universitätsklinik Wien wurde durch die Forschungen des Laryngologen Leopold Schrötter von Kristelli erheblich gesteigert. In derselben Klinik arbeitete auch Eduard Jäger von Jaxtthal, dessen ophthalmologische Forschungen auf den grundlegenden Arbeiten von Ernst Wilhelm von Brücke und Hermann von Helmholtz basierten.
Den Staffelstab der wissenschaftlichen Forschung auf dem Gebiet der Augenheilkunde übernahmen Carl Ferdinand von Arlt, Ernst Fuchs, Karl Stellwag von Carion und Karl Koller, die nicht nur bedeutende Entdeckungen machten, sondern ihr Wissen auch an die Studenten der Universität weitergaben. Johann von Oppolzer legte die Grundlagen für eine ganzheitliche Diagnostik und Therapie, indem er den Patienten als einen einheitlichen Organismus betrachtete. Unter der Plejade herausragender Vertreter dieser Schule sind auch Josef Barth, Adam Chenot, die Gynäkologen Friedrich Schauta und Ernst Wertheim, die Internisten Hermann Nothnagel und Samuel Siegfried Karl von Basch, der Pathologe Gustav Gärtner und der Psychiater Julius Wagner-Jauregg zu erwähnen.
Der Begründer der modernen Orthopädie Adolf Lorenz, der herausragende Internist Karel Frederik Wenckebach und der Pionier der Radiologie Guido Holzknecht legten mit ihren Arbeiten ein solides Fundament für weitere wissenschaftliche Forschungen, so wie es beispielsweise Leopold Freund und der Pädiater Clemens von Pirquet taten.
Wichtig! Eine Anerkennung des Weltniveaus der Wiener medizinischen Wissenschaft war die Verleihung des Nobelpreises an den Serologen Karl Landsteiner für die Entdeckung der Blutgruppen und an den Physiologen Robert Bárány für die Erforschung des Vestibularapparates.
Jedoch erlebte die glänzende Epoche der Zweiten Wiener Medizinischen Schule mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs eine schwere Prüfung. Diese globale Katastrophe wurde zu einer Art Wasserscheide, da die nachfolgenden medizinischen Forschungen und Arbeiten in der Zwischenkriegszeit oft unter wirtschaftlicher Not und magerer Bezahlung stattfanden und das Ende der goldenen Ära der Wiener Medizin einläuteten.

Ein schwarzer Tag in der Geschichte der Wiener Medizin: der 13. März 1938
Der 13. März 1938 wurde nicht nur zu einem Datum im Kalender, sondern zu einer blutigen Grenze, die Licht und Dunkelheit in der Geschichte der Wiener Medizin trennte. Der sogenannte „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland markierte den Beginn der tragischsten Periode für die medizinische Gemeinschaft Wiens.
Im Strudel des politischen Wahnsinns und des Rassenhasses wurde mehr als die Hälfte der Professoren der medizinischen Universitäten gnadenlos entlassen, deren einzige Schuld in ihrer jüdischen Herkunft bestand. Die schreckliche Statistik zeigt, dass 65 Prozent der Wiener Ärzte die Möglichkeit zur Ausübung ihres Berufs entzogen wurde; ihre Schicksale wurden zerstört.
Viele herausragende Forscher, talentierte Ärzte und vielversprechende Studenten waren gezwungen zu fliehen und ihre Heimatstadt sowie ihre wissenschaftlichen Errungenschaften hinter sich zu lassen. Diejenigen, die nicht rechtzeitig oder nicht fliehen konnten, wurden zu unschuldigen Opfern des NS-Regimes und fanden ihr tragisches Ende in Konzentrationslagern oder starben auf andere schreckliche Weise.
Die Erinnerung an diese unschuldigen Opfer des Nationalsozialismus muss ewig leben und an die schrecklichen Folgen von Hass und Intoleranz erinnern. Die Medizinische Universität Wien hat den 13. März 1938 zu Recht zu einem Tag der Trauer und zu einer Mahnung für zukünftige Generationen erklärt, mit dem Aufruf, diese dunklen Seiten der Geschichte niemals zu vergessen und den Wert des menschlichen Lebens und der Würde zu wahren.
Quellen: www.geschichtewiki.wien.gv.at, www.meduniwien.ac.at, magazin.wienmuseum.at
