9 Februar 2026

Das Allgemeine Krankenhaus Wien: Vom Armenhaus zum Zentrum der europäischen Medizin

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Wien ist eine Stadt, die nicht nur für ihr kulturelles Erbe bekannt ist, sondern auch für ihren herausragenden Beitrag zur Entwicklung der europäischen Medizin. Eines der leuchtendsten Symbole dafür ist das Allgemeine Krankenhaus (AKH) – das älteste Spital der österreichischen Hauptstadt mit einer über dreihundertjährigen Geschichte. Seine Gründung war ein entscheidender Schritt zur Etablierung des modernen Medizinsystems, und die Mauern des alten Krankenhauses bewahren die Erinnerung an revolutionäre Entdeckungen, Fortschritte im Gesundheitswesen und die Schicksale tausender Patienten. In diesem Artikel beleuchten wir, wie diese Institution entstand, welche Entwicklungsphasen sie durchlief und welche Rolle sie in der Geschichte der europäischen Medizin spielte. Mehr dazu auf ivienna.info.

Die tausendjährige Evolution der Wiener Spitäler

Die Geschichte der Spitäler in Wien reicht weit zurück, mindestens bis ins frühe 13. Jahrhundert. Damals erfüllten die ersten Einrichtungen dieser Art eher die Funktion sozialer Fürsorge als medizinischer Hilfe und dienten als Zufluchtsort für Alte, Gebrechliche und Bedürftige. Die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen „Hospitäler“ waren mehr Orte der Sorge um die materiellen Bedürfnisse und den Seelenfrieden jener, die an der Schwelle des Todes standen.

Ein Wendepunkt war die Gründung des Allgemeinen Krankenhauses im Jahr 1784 durch Kaiser Joseph II. Dieses Ereignis markierte einen entscheidenden Schritt im Verständnis der Zweckbestimmung medizinischer Einrichtungen, indem die Krankenpflege schrittweise von der Armenversorgung getrennt wurde. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde Wien von einem dichten Netz an Spitälern überzogen, doch die eigentliche Transformation erfolgte durch den Fortschritt der medizinischen Wissenschaft, die Kommunalisierung in den 1920er-Jahren und den Ausbau des Sozialstaates nach den 1950er-Jahren. Genau diese Faktoren führten zur Bildung des modernen Gesundheitssystems, das die gesamte Stadtbevölkerung erfasste. Die Wiener Spitäler wurden zu dessen starkem Fundament und erfüllten nicht nur eine heilende, sondern auch eine wichtige Forschungsfunktion.

(Allgemeines Krankenhaus Wien, Hof 8, 1904-1905)

Von der Frömmigkeit zur Gesundheitsfürsorge: Die ersten Schritte

Im Mittelalter bestand die Hauptaufgabe der Spitäler in der Aufnahme und dem Unterhalt von Armen, Alten und Pilgern. Diese Einrichtungen wurden als eine Art Übergangsort zwischen dem irdischen Leben und der Ewigkeit angesehen. Ihre Tätigkeit basierte daher vor allem auf religiösen Grundsätzen und versorgte die Schutzbefohlenen nicht nur mit Nahrung, sondern auch mit seelischem Beistand und einer angemessenen Bestattung. Krankenpflege im modernen Sinne war damals noch keine Priorität. Ein wichtiges Aufnahmekriterium war die durch körperliche Gebrechen verursachte Arbeitsunfähigkeit.

Die ersten, die Spitäler für die Aufnahme von Reisenden und Pilgern gründeten, waren christliche Orden. Um das Jahr 1158 entstand in Wien ein Pilgerhaus, das eine weitere wichtige Funktion erfüllte: die Gesundheitskontrolle an den Grenzen des Burgfriedens oder an den Stadttoren. Dies trug dazu bei, das Risiko der Einschleppung von Epidemien zu verringern, was in jenen Zeiten eine erhebliche Bedrohung darstellte.

(Die Große Pest in Wien, 1349)

Die Große Pest und die ersten städtischen Spitäler

Die schreckliche Pestepidemie, die 1349 durch Wien fegte, unterstrich zweifellos die Bedeutung medizinischer Einrichtungen, auch wenn deren damalige Fähigkeit, solche Katastrophen zu bekämpfen, begrenzt war.

Das erste direkt in Wien gegründete Krankenhaus war das Heiligengeistspital, das vor 1208 vor dem Kärntnertor auf Initiative des Kaplans und Leibarztes von Herzog Leopold VI., Meister Gerhard, errichtet wurde. Nach einer kurzen Blütezeit im 13. Jahrhundert konnte es nicht mit dem Bürgerspital konkurrieren. Während der türkischen Belagerung von 1529 wurde das Gebäude zerstört und sein Besitz ging an die Wiener Diözese über.

(Heiligengeistspital, um 1520)

Das Bürgerspital, ebenfalls vor dem Kärntnertor gelegen, wurde zwischen 1253 und 1257 gegründet und blieb bis ins 17. Jahrhundert die größte soziale Einrichtung in Wien. Im 15. Jahrhundert beherbergte es rund 200 Frauen und Männer. Ab 1517 übernahm die Medizinische Fakultät der Universität Wien die Betreuung der Kranken im Bürgerspital. Nach seiner Zerstörung im Jahr 1529 wurde es von der Vorstadt vor dem Kärntnertor auf das Areal zwischen der heutigen Staatsoper und dem Neuen Markt verlegt. Dank seines bedeutenden Grundbesitzes wurde das Bürgerspital zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor der Stadt. Die Verwaltung des Spitals erfolgte durch Vertreter des Stadtrates, was den Bürgern den Zugang zu Lebensmitteln sicherstellte, die auf den Gütern des Spitals erzeugt wurden. Das Bürgerspital erfüllte die Funktionen eines Krankenhauses und eines Altenheims und bestand bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Neben den gewöhnlichen Spitälern gab es auch spezialisierte Einrichtungen – Leprosorien, die außerhalb der Stadtmauern lagen, wie das Spital St. Johann in Siechenals, dessen Erwähnung auf das Jahr 1298 zurückgeht. Diese ersten Schritte zur Schaffung medizinischer Einrichtungen in Wien legten den Grundstein für die zukünftige Entwicklung eines der fortschrittlichsten Gesundheitssysteme in Europa.

(Bürgerspital und Bürgerspitalkirche, 1609)

Die Vorgeschichte des Allgemeinen Krankenhauses in Wien

Bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es in Wien keine klare Trennung zwischen medizinischer Hilfe und sozialer Fürsorge. Die Gründung des Allgemeinen Krankenhauses war daher eng mit der Armenversorgung verknüpft. Das 1693 errichtete Große Armenhaus diente nicht nur als Zuflucht für die „würdigen Armen“, sondern auch für chronisch Kranke und ehemalige Soldateninvaliden. Die Hauptlast der Patientenbehandlung lag jedoch beim St. Marxer Spital. Somit waren die ersten Schritte zur Schaffung eines zentralisierten Gesundheitssystems eng mit der Lösung der sozialen Probleme der Stadt verwoben.

Die Geschichte des Großen Armenhauses beginnt 1693, als Kaiser Leopold I. mit dessen Bau begann, um Veteranen der Türkenkriege und Obdachlosen eine Unterkunft zu bieten. Bereits zuvor hatte der kaiserliche Rat Dr. Johann Theobald Franckh seinen Besitz für die Errichtung eines Soldatenspitals gestiftet, auf dessen Grundlage das Große Armenhaus zwischen 1693 und 1697 erbaut und später, im Jahr 1725, erweitert wurde. Es ist wichtig zu erwähnen, dass die Einrichtung trotz ihres Namens auch Militärinvaliden Zuflucht bot. Die erste Bauphase war der „Große Hof“ (Invalidenhof), der später zum ersten Innenhof des Allgemeinen Krankenhauses wurde. Dank der großzügigen Spenden von Ferdinand Freiherr von Thavonat im Jahr 1726 konnte das Gebäude erheblich erweitert werden. Bis 1733 umfasste es bereits fünf Höfe, die 5.000 Menschen Platz boten und das Ausmaß der damaligen Sozialfürsorge verdeutlichten.

(Altes Allgemeines Krankenhaus, 1955)

Die Geburt des Allgemeinen Krankenhauses Wien

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts trat das Wiener Gesundheits- und Sozialwesen unter dem Einfluss des weitsichtigen Gerard van Swieten und mit Unterstützung der weisen Herrscherin Maria Theresia in eine Ära bedeutender Veränderungen ein. In dieser Zeit wurden erste, aber entscheidende Schritte zur klaren Funktionstrennung zwischen den verschiedenen sozialen Institutionen unternommen. Der eigentliche Anstoß zu tiefgreifenden Reformen kam jedoch erst während der Alleinherrschaft von Kaiser Joseph II. Seine „Direktivregeln“ vom 16. April 1781 legten ein solides Fundament für zukünftige Veränderungen.

Im Jahr 1783 wurden die Grundprinzipien für die Gründung des Allgemeinen Krankenhauses formuliert, das auf dem Gelände des ehemaligen Großen Armenhauses untergebracht werden sollte. Als Hauptzweck der neuen Einrichtung wurde die Behandlung und Pflege von Patienten mit akuten Erkrankungen definiert. Joseph II., geleitet von seiner eigenen Vision einer effizienten Organisation des Sozialwesens, löste das Große Armenhaus auf, um die verschiedenen sozialen Einrichtungen Wiens nach ihren spezifischen Aufgaben zu trennen. Nachdem die Invaliden in das Nepomucenispital auf der Landstraße und die zivilen Armen in das Bäckenhäusel und das Haus „Zum blauen Herrgott“ verlegt worden waren, begann Joseph Gerl 1783 mit dem umfassenden Umbau des Areals.

(Allgemeines Krankenhaus Wien)

Bereits am 16. August 1784 öffnete das umgestaltete Gebäude feierlich seine Pforten als „Allgemeines Krankenhaus“. Interessanterweise ließ sich Joseph II. vom Pariser Zentralkrankenhaus Hôtel-Dieu inspirieren, das er auf seiner Reise nach Paris 1777 besucht hatte. Über dem Haupttor wurde die symbolische Inschrift eingemeißelt: „Saluti et solatio aegrorum“ – „Zum Heil und zum Trost der Kranken“, was die neue Mission dieser wichtigen medizinischen Einrichtung eindrucksvoll widerspiegelte.

Quellen: www.geschichtewiki.wien.gv.at, museumofthemind.org.uk, pmc.ncbi.nlm.nih.gov, vienna-tourist.com, geschichte.univie.ac.at

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