Eine junge, schöne Frau aus Wien, Gisela Eybeschitz, erregte weltweites Aufsehen. Sie erreichte etwas, was viele Zeitgenossen für unmöglich und für eine Frau unpassend hielten. Gisela wurde Uhrmachermeisterin, schreibt ivienna.info.
Zeitungen in den USA, Großbritannien und auf dem europäischen Kontinent schrieben mit großer Anerkennung und Bewunderung über die 19-jährige Uhrmacherin Gisela Eybeschitz.
Der Kampf um das Recht

Im Jahr 1892 verstarb Giselass Vater Ignaz im Alter von 47 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war das Mädchen 10 Jahre alt. Ignaz Eybeschitz war einer der vielen jüdischen Emigranten, die im 19. Jahrhundert nach Wien kamen und die jüdische Gemeinde zur größten in der Monarchie machten. Dank seiner Arbeit und seines Könnens gründete er ein Uhrengeschäft im 3. Bezirk in der Rennweg 47. Im Jahr 1883 wurde Ignaz die Wiener Staatsbürgerschaft verliehen, was zu dieser Zeit keine leichte Aufgabe war.
Für die Erlangung der Staatsbürgerschaft musste man nachweisen, dass man über die finanziellen Mittel zum Unterhalt der Familie verfügte und einen einwandfreien Leumund besaß.
Für Emigranten bedeutete die Staatsbürgerschaft das Recht, an Wahlen teilzunehmen und selbst zu kandidieren.
Da es Witwen gestattet war, das Geschäft ihres verstorbenen Mannes auch ohne Gewerbeschein weiterzuführen, übernahm Marie, Giselass Mutter, das Uhrmachergeschäft.
Da Marie keine männlichen Nachkommen hatte, plante sie, das Geschäft an ihre Tochter zu übergeben. Dafür war jedoch eine von der Uhrmacherzunft anerkannte Fachausbildung sowie das Ablegen von Prüfungen erforderlich.
Gisela hatte sich schon immer für das Handwerk interessiert und als Kind mit großer Freude die Arbeit ihres Vaters beobachtet. Als das Mädchen 15 Jahre alt wurde, wollte sie Uhrmachermeisterin werden. Ihr Onkel, der Rechtsanwalt Siegfried Eybeschitz, meldete Gisela zur Ausbildung bei der Uhrmacherzunft an, stieß jedoch auf erbitterten Widerstand.
Zunächst erklärte die Genossenschaft, keine Frau ausbilden zu wollen, und beschuldigte die Mutter des Mädchens der „Bereicherung auf Kosten der Mitgift“. Dies bedeutete, dass Gisela verpflichtet war, eine Ausbildung zu absolvieren und anschließend die gesetzlich vorgeschriebene Zeit als Gehilfin in der familieneigenen Werkstatt zu arbeiten. Erst danach wäre es ihr gestattet gewesen, ein selbstständiges Gewerbe zu führen.
Die Uhrmacherzunft stand der Ausbildung von Frauen ablehnend gegenüber; ihre Vertreter waren der Meinung, Frauen würden von den technischen Aspekten mechanischer Uhren nichts verstehen.
Sollte eine Frau diesen Beruf dennoch erlernen, durfte sie Uhren nur unter der Aufsicht eines Mannes zusammensetzen.
Die Zunft hatte jedoch nicht mit der Hartnäckigkeit von Gisela und ihrer Familie gerechnet.
Als Giselass Onkel erkannte, dass mit den Vertretern der Organisation keine Einigung zu erzielen war, wandte er sich an die Gewerbebehörde, wo er die Genehmigung für die Ausbildung des Mädchens erhielt. Doch die Vertreter der Zunft blieben unerbittlich. Nach einem langen und schweren Kampf für ihr Recht gelang es Gisela schließlich, die Ausbildung zur Uhrmacherin zu beginnen.
Ausbildung und Karriere

Im Alter von 15 Jahren begann Gisela ihre Ausbildung unter der strengen Aufsicht der Zunftmitglieder, ihrer zukünftigen Kollegen und des Direktors der Uhrmacherschule in Karlstein.
Im Jahr 1902 erhielt sie Genugtuung, als der Zunftmeister Wilhelm Bauer zugab, Eybeschitz bei ihrer Bewerbung zu Unrecht abgewiesen zu haben.
Bereits 1906 machte sich Gisela weltweit einen Namen, als sie die erste und einzige Uhrmachermeisterin in Österreich wurde.
Leider ist über ihr späteres Leben nur sehr wenig bekannt. Es ist lediglich überliefert, dass sie ab 1927 gemeinsam mit ihrem Ehemann Julius Schwitzer ein Uhrengeschäft führte. Ihre Ehe wurde jedoch 1929 geschieden.
Im Jahr 1937 engagierte sich Gisela in der „Jüdischen Gefährdetenfürsorge“, die sich um jüdische Häftlinge kümmerte. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 konnte sie das Land nicht mehr verlassen. 1942 wurde sie nach Maly Trostinez deportiert und grausam ermordet (Maly Trostinez war das größte nationalsozialistische Konzentrationslager auf dem Gebiet von Belarus).