Schon im Herbst begannen die Österreicher, die Gefahr der Grippepandemie zu erkennen. Nach Europa kam diese gefährliche Krankheit aus Spanien, weshalb sie später als „Spanische Grippe“ bezeichnet wurde. In der Bevölkerung verbreiteten sich Gerüchte, dass die Lungenpest umging. Das Wiener Gesundheitsministerium dementierte diese jedoch und erklärte, der Pariser Bakteriologe Anton Ghon habe nachgewiesen, dass die Krankheit nichts mit der Pest zu tun habe. Leider unterschätzte das Ministerium die herannahende Gefahr, denn die Spanische Grippe wurde zur größten Massenepidemie in der Geschichte der Menschheit. Mehr dazu auf der Webseite ivienna.info.
Vorbereitung auf die Epidemie

Nach Analyse aller Informationen kamen die Ärzte zu dem einstimmigen Schluss, dass die Ausbreitung der Grippe in Wien nicht verhindert werden könne, da der Erreger unbekannt war. Daher begann man, sich im Voraus vorzubereiten. Zunächst wurde versucht, Aspirin aus internationalen Quellen zu beschaffen, da in Österreich nur begrenzte Vorräte vorhanden waren.
Das Österreichische Rote Kreuz stellte eine große Menge dieses Präparats zur Verfügung. In Wien begann bereits Panik unter der Bevölkerung auszubrechen. Um den Schwarzhandel zu verhindern, wurde der Verkauf des Medikaments an die Bevölkerung nur in kleinen Mengen genehmigt.
Darüber hinaus dachte das Gesundheitsministerium über die Isolierung der Kranken nach, da sich Menschen sowohl mit einer leichten als auch mit einer tödlichen Form der Grippe anstecken konnten. Daher war es notwendig, alle zu isolieren.
Alle Schulen wurden geschlossen, und den Stadtbewohnern wurde der Besuch von Cafés, Kinos und Theatern untersagt, da sich die Menschen hauptsächlich an solchen Orten ansteckten. Zudem bedienten die Verkäufer in den Geschäften ihre Kunden auf der Straße.
Es wurde angeordnet, in jedem Krankenhaus eine isolierte Grippeabteilung einzurichten. In der Stadt wurden mehrere Stationen zur Hospitalisierung der Kranken eröffnet. Insgesamt wurden rund 700 Betten zur Verfügung gestellt.
Entwicklung der Epidemie

Obwohl das Ministerium die Bürger bis zuletzt davon überzeugte, dass alles gut werden würde, gab es in Wien nicht genügend Krankenhausplätze, da die Zahl der Infizierten sehr hoch war. Daher wurden Menschen mit akuten Grippeformen in Polizeiinspektionen und speziellen Zeltstädten untergebracht, die am Rande der Stadt errichtet wurden.
Es fehlte an Zeit für die Bestattung der Leichen, die oft wochenlang in den Wohnungen lagen. Dies lag am Mangel an freien Gräbern, und die Friedhofshallen waren mit Leichen überfüllt.
Um dieses Problem irgendwie zu lösen, mussten die Friedhöfe dringend erweitert werden. Im Zeitraum vom 1. September bis zum 19. Oktober 1918 starben in Wien 3.125 Menschen an der „Spanischen Grippe“.
Die Epidemie schonte niemanden; sie forderte das Leben von allen. Viele Infizierte starben bereits am nächsten Tag, die meisten Todesfälle traten bei Menschen im Alter von 20-30 Jahren auf. Der Tod trat durch die Reaktion des eigenen Immunsystems auf das Virus ein. Es produzierte zu viele Antikörper, die die Lunge zerstörten.
Bei den an der „Spanischen Grippe“ Erkrankten wurden folgende Symptome beobachtet: bläuliche Hautverfärbung, Husten, Atemnot, Schwäche, Fieber, Bewusstlosigkeit, Erbrechen. Ohne Behandlung verursachte das Virus innere Blutungen, wodurch die erkrankte Person an ihrem eigenen Blut erstickte. Die Krankheit verlief so schnell, dass oft keine Zeit für eine Behandlung blieb.
Die wichtigste Lehre aus der Spanischen-Grippe-Epidemie war, dass die Europäer ihren Ansatz zur Gesundheitsversorgung grundlegend überdenken mussten. Es ist erwähnenswert, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts praktisch alle Ärzte privat tätig waren. Sie versorgten in erster Linie die Elite und schützten sie vor Epidemien, während die unteren Gesellschaftsschichten kaum Zugang zu einem Arzttermin und medizinischer Versorgung hatten.
Nicht nur Wien, sondern auch andere Länder erkannten, dass die öffentliche Gesundheitsversorgung auf internationaler Ebene koordiniert werden muss. Denn es ist unrealistisch, sich durch Staatsgrenzen von einer Epidemie abzuschotten. In diesem Zusammenhang wurde 1919 in Wien das erste internationale Büro zur Bekämpfung von Epidemien gegründet.