Mitten im Herzen des kaiserlichen Wien waren Apotheken nicht nur Orte, um Medikamente zu kaufen. Sie waren Labore, „Exotik“-Kioske und Kreuzungspunkte von Wissenschaft, Handel und Alltag. Vom Mittelalter bis zum frühen 20. Jahrhundert verkauften Wiener Apotheken nicht nur einfache Kräuteressenzen, sondern auch komplexe medizinische Präparate, seltene Zutaten aus fernen Ostländern und eigene „Hausspezialitäten“. Genau hier, in den Straßen der Stadt, entfaltete sich die Geschichte der Pharmazie, die einen Hauch von imperialer Größe und lokaler Einzigartigkeit trug. Weiter auf der Website ivienna.info werden wir uns ansehen, was genau in Wiener Apotheken verkauft wurde, wie sich das Sortiment veränderte und welche Besonderheiten Wien hatte – mit Namen, Daten und Orten.
Von Kräutern zu Mixturen
In Wien reicht das Apothekenwesen bis ins Spätmittelalter zurück. Laut einer in der Sammlung „Geschichte der Wiener Apotheken“ veröffentlichten Untersuchung lässt sich ihre Präsenz in der Stadt bereits bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts zurückverfolgen.
Bis zum 18. Jahrhundert war das Sortiment außerordentlich breit. Im Dokument „Arzneitaxe von 1744“ ist festgehalten, dass es 884 einfache Medikamente gab – hauptsächlich Kräuter, Blüten, Blätter und Rinden.
Im Artikel „Zur Geschichte der Apotheken“ heißt es: „Bis ins 18. Jahrhundert wurden als Heilmittel Regenwürmer, Hundekot und feste Substanz aus menschlichem Gehirn verwendet“.

In Wien hatte beispielsweise die Apotheke „Zum alten Löwen“ in der Josefstädter Straße 25 stets Reste alter Mischungen im Keller. Noch im 19. Jahrhundert galten sie als Spezialitäten. Damals führte etwa der Apothekenbesitzer, der Pharmazeut Josef Moser (1779–1836), hier chemische Forschungen durch. Und es sei darauf hingewiesen, dass in dieser Apotheke im Jahr 1816 erstmals in Wien eine Gasbeleuchtung für das Schaufenster installiert wurde.
Das Sortiment umfasste also sowohl traditionelle Kräutermittel als auch den Wunsch, der chemisch-experimentellen Tradition zu folgen. Wien lag am Scheideweg: Kaiserreich, Handel, koloniale Rohstoffe, Apotheken mit Zugang zu „Exotika“.
„Exotika“, wundersame Zutaten und imperiale Verbindungen
Die Wiener Apotheken verkauften nicht nur lokale Kräuter. Schon im Mittelalter verwendeten Pharmazeuten „exotische“ Zutaten aus dem fernen Asien, Afrika und Südamerika. Laut der Geschichte des Apothekerberufs in Österreich: „…Apotheker… zeigten Kuriositäten, die aus dem Ausland importiert wurden. Insbesondere Krokodile oder Einhörner, also Narwal-Stoßzähne, sowie Schlangen, Elchhufe, Nashornhörner“.
Darüber hinaus wird in einer Studie erwähnt, dass in alten Wiener Apotheken Bestandteile wie „Destillat aus menschlichem Haar, zu Pulver zermahlene Finger- und Zehennägel“ verwendet werden konnten – Dinge, die im 21. Jahrhundert als inakzeptabel gelten würden.

Wie wir sehen, arbeiteten die Wiener Apotheken mit einem viel breiteren Spektrum an Inhaltsstoffen: nicht nur lokalen Kräutern oder Standardtinkturen, sondern auch „Exotika“ – Tierteile, organische Überreste, seltene Importe. Dies unterstreicht, dass die Wiener Apothekenpraxis ihre Besonderheiten hatte und sich von Apotheken in kleineren Städten oder auf dem Land unterschied.
Hausspezialitäten und Rezeptur-Mixturen Wiener Apotheken
Eine Besonderheit der Wiener Apotheken um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren die lokalen Hausrezepte. Sie wurden direkt vor Ort unter der Leitung des Apothekers oder Provisors zubereitet. Diese Rezepte – Mixturen, Pulver, Granulate, Zahnpräparate – wurden als einzigartig und exklusiv beworben: als „Spezialitäten“ der Apotheke, die nur hier, in dieser konkreten Einrichtung, erhältlich waren.

Als Beispiel sei die Apotheke „Zum goldenen Hirschen“ am Kohlmarkt 11 genannt, deren Inhaber 1869 Wenzel Twerdy wurde. Sie war dafür bekannt, um 1900 folgende Produkte in ihrem Sortiment zu führen:
- W. Twerdy’s Zahnlatwerge (Electuarium dentifricium) – Zahnpasten oder Zahnpillen, die vom Apothekenbesitzer kreiert wurden.
- Damenpulver – „Damenpulver“ (ein spezielles Präparat für Frauen, möglicherweise kosmetisch), das als Teil des eigenen Rezeptursortiments angeboten wurde.
- Kola granulée – ein Präparat mit Kola-Nuss-Extrakt oder einem ähnlichen stimulierenden Stoff, das von der Apotheke selbst hergestellt wurde.
Dieselbe Apotheke bewarb auch intensiv eine aromatische Zahnpasta. Mit anderen Worten, hier wurden nicht nur industriell hergestellte Arzneimittel weiterverkauft, sondern auch eigene Angebote kreiert. Für die Stadtbewohner bedeutete dies, dass sie in der Apotheke nicht nur ein fertiges Präparat, sondern eine lokale Formel erhielten, die als „Spezialität“ beworben wurde.
Solche lokalen Rezepte hatten mehrere wichtige Bedeutungen: Sie erhöhten das Ansehen der Apotheke, schufen deren „Marke“ innerhalb der Stadt und vermittelten den Kunden das Gefühl, etwas Besonderes zu erhalten, das in keiner anderen Apotheke zu finden war. Wien zeichnete sich hier als Großstadt mit imperialer Vergangenheit aus, es hatte eine Klientel aus Adel, Reisenden und wohlhabenden Kaufleuten – und die Apotheken entsprachen dem, indem sie „spezielle“ Produkte kreierten.
Produkte für den täglichen Bedarf
Apotheken in Wien waren nicht nur Verkaufs- und Herstellungsstellen für Arzneimittel, sie berieten und verkauften auch Mittel für den normalen Alltag. Zum Beispiel Kosmetika, Teemischungen, Raucherentwöhnungsmittel und sogar Ernährungstipps.
In Wien, am Beispiel der modernen Beschreibung der „Apotheke auf der Wieden“, ist zu sehen, wie der moderne Trend aussieht: Kosmetika, Kräuter und Granulate, biologische Kräuter- und Teemischungen. Obwohl dies ein modernes Beispiel ist, illustriert es, dass die Apotheke Kosmetik, Teemischungen und Naturprodukte schon lange in ihr Sortiment integriert hat. Aber historisch gesehen konnte man hier bereits Ende des 19. Jahrhunderts Zahnpräparate, Kosmetika und Reisemittel kaufen. Zum Beispiel „Kola granulée“, das auch kein klassisches Heilkraut ist.

Ortsansässige betrachteten die Apotheke nicht nur als Ort der Notfallversorgung, sondern auch zur Unterstützung der Gesundheit, für Kosmetik und den Haushalt. In der großen Kaiserstadt war die Rolle der Apotheke vergrößert: Sie war logistisch und beratend weiterentwickelt als in kleineren Städten. Mit der Entwicklung der Stadt und der Urbanisierung integrierten sich die Apotheken in das soziale Leben als Orte nicht nur des Verkaufs, sondern auch der Beratung und der Unterstützung des Lebensstils.
Übergang zu Industriepräparaten und Abnahme der Kräuterdominanz
In dem bereits erwähnten Material „Zur Geschichte der Apotheken“ wird darauf hingewiesen, dass bis zum Ende des 18. Jahrhunderts „Im Geiste der Aufklärung fand eine komplette Transformation der medikamentösen Therapie statt“. Es wird auch erwähnt, dass im Laufe des 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts viele Substanzen, die als gefährliche Betäubungsmittel gelten, ein integraler Bestandteil der alltäglichen medizinischen Praxis waren.
In den Wiener Apotheken wurden Kräuteressenzen, die bis 1744 das Apothekensortiment dominierten, durch standardisiertere Präparate ersetzt, die fabrikmäßig oder nach klaren Formeln hergestellt wurden. Dies bedeutete, dass die Apotheken in Wien aufhörten, reine Werkstätten zu sein, die Kräuter und „magische“ Zutaten mischten, und begannen, strukturiertere Einrichtungen mit Laboren, Dosierungen und Standardisierung zu werden.

So konnte man in den Wiener Apotheken Präparate mit Opium, Kokain, Morphin oder anderen Substanzen finden, die später verboten oder streng reguliert wurden. Dies verdeutlicht klar die Veränderungen im Sortiment – von einfachen Kräuteressenzen hin zu industriellen oder halb-industriellen Arzneistoffen.
Wie wir sehen, veränderten sich von 1320 (als es bereits eine Apotheke in Wien gab) bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts das Sortiment, die Produkte und die Rolle der Apotheken. Aber der Charakter Wiens – das Prestige, die Urbanisierung, die Unterstützung von Innovationen und die Bewahrung der Kräutertradition – blieben konstant.
Quellen:
- https://www.apothekerkammer.at/oesterreichs-apothekerinnen/berufsbild-apothekerin/geschichte-apothekerberuf
- https://www.oeaz.at/Chronik_-_Historie/Historisches_Schmankerl/Morphin-Heroin-Kokain-Cannabis-und-Barbiturate.html
- https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/internationales/apocheck-leichenteile-in-der-alten-loewen-apotheke